Morgenseiten: Die Methode von Julia Cameron, die deinen Kopf leer putzt und deine Kreativität freisetzt
Warum plötzlich alle über Morning Pages - also Morgenseiten - sprechen?
Die Welt da draußen ist nicht nur komplex geworden, sondern auch voller Ablenkung. Voller externer Gedanken, die in dein Hirn dringen. Vor allem natürlich durch den Haupttatverdächtigen: dein Smartphone.
Aber selbst bevor es das Smartphone gab, waren wir Menschen nicht frei von nervigen Gedanken. Negativen Gedanken. Gedanken, die dich davon abhalten, dein volles Potenzial zu entfalten.
(Egal, ob es daran liegt, dass du heute Morgen in einen Hundehaufen getreten bist, oder dass deine Nachbarin wieder einen fiesen Spruch abgelassen hat…)
Insgesamt sind die meisten von uns - wie ich wage zu vermuten, auch du - damit beschäftigt, stets gegen eine Stimme in ihrem Kopf zu kämpfen, die den ganzen Tag schnattert, und damit vor allem auch kreative Arbeit oft boykottiert.
Die Folge sind Kreativblockaden, Überdenken, Chaos in den Gedanken und allgemein zu viel, was darin herumschwirrt.
Deswegen ist das Konzept der Morgenseiten von Julia Cameron - zum ersten Mal in ihrem Buch Der Weg des Künstlers vorgestellt - eine Methode, mit der du nicht nur dein Hirn freiräumen kannst, sondern auch Platz machst für die richtig großen, besseren Gedanken, die du eigentlich gerne hättest.
Ich habe schon vor vielen Jahren zum ersten Mal davon gelesen und muss zugeben, dass ich es am Anfang eher nervig fand. Warum - darum geht es gleich noch.
Aber lasst uns doch mal als Erstes über das Grundkonzept reden und warum Morning Pages nicht das Gleiche sind wie Tagebuch schreiben.
Übrigens: Diesen Artikel gibt es auch als Podcast im Audioformat. Hier hören:
Inhaltsverzeichnis:
Was sind Morgenseiten (Morning Pages) nach Julia Cameron?
Das Prinzip ist relativ einfach:
Du setzt dich morgens, bevor irgendein anderer Input in dich hineinballert, irgendwohin (oder legst dich auf dein Bett oder auf ein Sofa) und schreibst einfach 3 Seiten handschriftlich, ungefiltert, deine Gedankenströme runter.
Super wichtig dabei: Niemand wird jemals sehen, was du schreibst.
Das heißt, du kannst deinen Block verstecken. Manche verbrennen ihn sogar hinterher - was bedeutet, dass du wirklich zu 100 % sicher sein kannst, dass du deine Gedanken komplett frei auf das Papier fließen lassen kannst.
Dieses Konzept kommt, wie gesagt, aus dem Buch The Artist's Way (Der Weg des Künstlers) und ist unter vielen Kreativen die Methode, den Kopf aufzuräumen und Kreativität freizulegen. Damit man diese ganzen negativen Gedanken los wird.
Warum Morning Pages so gut funktionieren
Der Effekt, der eintritt, wenn du morgens erstmal drei Seiten lang alle Gedanken rauslässt, ist… dass du plötzlich feststellst, wie negativ sie sind.
Wie sehr du dich selbst mit Sachen behinderst, die du vielleicht noch nie wirklich ausgesprochen hast. Denn vor wem sollte man auch sein weinerliches, klagendes und unzufriedenes Ich rauslassen? Und falls du das getan hast - noch schlimmer! Dann erst recht werden die Morgenseiten helfen.
Die Gedanken werden quasi ausgespuckt, entladen - anstatt den ganzen Tag in deinem Kopf zu kreisen.
Womöglich sogar unbewusst, wo du nie wirklich benennen kannst, was eigentlich gerade das Problem ist. Das Ganze sorgt dafür, dass alles, was dich belastet, erstmal raus kann und du sonst verschwundene oder unterdrückte Ideen leichter findest und angehen kannst.
Seitdem ich selber Morgenseiten bei mir eingefügt habe, ist für mich ein interessanter Effekt eingetreten. Ich bin grundsätzlich schon ein positiver Mensch, aber auch ich habe festgestellt, dass es extrem viele Bereiche gab, in denen ich negativer und weinerlicher und anklagender gedacht habe, als ich es mir selbst zugestehen wollte. Und das ist überhaupt kein Problem, denn niemand wird diese Morgenseiten jemals lesen.
Ich merke immer, dass es mir schlechter geht - psychologisch - wenn ich ein paar Tage diese Morgenseiten weggelassen hatte. Deswegen bin ich inzwischen zwar nicht jeden Tag, aber doch an den meisten Tagen wirklich dabei, sie akribisch zu erledigen.
Meine Erfahrung mit Morning Pages - das hat sich wirklich verändert
An dieser Stelle erzähle ich dir mal eine kleine Geschichte davon, wie es dazu gekommen ist, dass ich dem Thema noch mal eine Chance gegeben habe.
Wie gesagt, habe ich die Morgenseiten schon seit längerer Zeit versucht anzufangen. Es war aber irgendwie nie Zeit dafür. Der Alltag, Kinder, zu wenig Stunden insgesamt.
Mein Gedanke war die ganze Zeit: Ich habe ohnehin schon einen absoluten Zeitdruck - wie soll ich dann 30 bis 45 Minuten, die diese Morgenseiten oft brauchen, „verschwenden", nur um noch eine Pflicht hinzuzunehmen?!
Und so war es am Anfang ständig.
Ich habe den ganzen Tag in die Morgenseiten nur reingeschrieben, dass ich keine Lust auf die Morgenseiten habe, dass mir die Hand weh tut und dass ich grundsätzlich genervt bin und das alles am liebsten wieder aufgeben würde.
So ging das tagelang, wenn nicht sogar wochenlang.
Ich fand das erstens sinnlos und zweitens wusste ich nicht, was ich schreiben sollte - außer dem ständigen Lamentieren darüber, dass ich keine Lust hatte, die Morgenseiten zu schreiben.
Bei meiner Recherche für diesen Artikel habe ich herausgefunden, dass das eine Sache ist, die vielen Leuten ähnlich geht. Wenn man es außerdem nicht gewohnt ist, mit der Hand zu schreiben, fühlt sich das Ganze komplett sinnlos an.
Was bei mir am Ende passiert ist: Ich war noch wütender als vorher.
Ich hatte 30 bis 40 Minuten „verschwendet" und konnte auch keinen wirklichen Effekt merken.
Aber jetzt kommt der Plot Twist…
Denn der Effekt war ähnlich wie beim Fitnessstudio: Zeitversetzt!
Ich hatte die Morgenseiten wie gesagt ein paar Monate, wenn nicht sogar Jahre wieder fallen gelassen.
Doch irgendwann, als ich wieder mehr schreiben wollte, habe ich gesagt, dass ich dem Ganzen noch mal ernsthaft eine Chance gebe.
Denn um noch mal zur Fitness-Analogie zurückzukehren: Ein halbes Jahr vorher hatte ich das Gleiche bei einem neuen Sport bemerkt, den ich am Anfang richtig schlimm fand und bei dem ich in den ersten 7 bis 8 Stunden fast vom Hocker fiel. Die Muskeln bauten sich gefühlt erst zeitversetzt auf, aber auf einmal konnte ich den Unterschied spüren.
Und so ähnlich war der Effekt bei mir auch bei den Morgenseiten.
Deswegen hier ein Hinweis an dich, wenn du zu denjenigen gehörst, für die die Morgenseiten überhaupt nicht funktionieren: Gib ihnen eine zweite Chance.
Bei mir hat es wie gesagt erst nach vielen, vielen Wochen Klick gemacht - und inzwischen möchte ich das Ganze nicht mehr missen.
Deswegen sind Morgenseiten für mich super (und für dich vermutlich auch)
Die gute Sache an den Morgenseiten ist, dass sie komplett frei von Erwartungen sind.
Den Morgenseiten ist es egal, wenn ich den ganzen Tag nur darüber meckere, dass ich keine Lust habe, sie zu schreiben.
Tatsächlich graben sich durch dieses komplett ungefilterte Schreiben oft Sachen aus, von denen ich dachte, dass ich eigentlich drüber hinweg wäre, dass sie mir nicht so wichtig wären.
An den wenigen Tagen, wo ich die Seiten wirklich am Morgen schreibe, kommen sogar teilweise Fetzen aus Träumen mit raus, die ich extrem spannend finde.
Aber hier kommt auch schon der Clou: Die Morgenseiten schreibe ich ganz oft nicht am Morgen, sondern am Mittag oder Nachmittag, wenn ich eben gerade Zeit habe.
Denn jeder, der Verpflichtungen im wahren Leben kennt, weiß, dass man seine Morgenroutine - ungleich allen 25-jährigen kinderlosen Single-Gurus, die das da draußen predigen - meistens nicht so frei in der Hand hat, wie man sich das gerne wünscht.
Deswegen habe ich einfach locker gelassen und gesagt, dass meine Morgenseiten auch Abendseiten sein können. Der Effekt ist für mich tatsächlich gleich.
So machst du Morning Pages richtig, ohne sie nach 3 Tagen wieder zu droppen
Für mich war von Anfang an wichtig, dass ich einen schönen, ordentlichen Block habe.
Einen Block fand ich übrigens besser als ein Notizbuch - denn bei Notizbüchern habe ich immer das Gefühl, etwas zu haben, das permanent ist, das schön aussehen muss und das gefiltert sein muss.
Bei simplen College-Blöcken dagegen sorgt allein schon die Ausreißperforation dafür, dass es sich weniger permanent anfühlt. Außerdem habe ich jederzeit das Gefühl, die Seite ausreißen und wegschmeißen zu können - oder eben verbrennen, wenn man das möchte. (Das hätte was Dramatisches. Habe ich noch nicht probiert!)
Und dann… nimmst du einfach diesen Block und fängst an!
Wenn du nicht weiß, was du schreiben sollst, schreibst du einfach genau darüber: „Ich finde meinen neuen Block ganz toll und ich weiß jetzt auch nicht, was ich schreiben soll."
Es geht wirklich darum, einfach genau das freizulassen, was man denkt.
An dieser Stelle noch ein Tipp: Ich war am Anfang sehr genervt, weil ich so viel schneller denke als handschriftlich schreiben kann. Das hat sich aber tatsächlich gefangen. Das heißt, meine Gedanken haben sich dann auch irgendwann beruhigt und verlangsamt - und das ist super.
Typische Fehler bei den Morgenseiten sind:
dass du zu perfektionistisch schreibst und doch wieder “nachdenkst” oder filterst, statt einfach deine wirren, komischen und fließenden Gedanken runter zu schreiben
dass du am Ende doch digital statt handschriftlich schreibst
(das ist zugegebenermaßen ein Diskussionspunkt, den ich ab und zu mit Leuten habe, denn es gibt viele, die im digitalen Zeitalter tatsächlich lieber digital schreiben. Aber ich kann dazu nur sagen, dass ich beides getestet habe und der therapeutische und vor allem erdende Effekt einfach nicht eintritt, wenn man das digital schreibt. Klar ist es vermutlich besser, es digital zu machen, wenn du es gar nicht anders machst - aber ich kann dich dazu einladen, wirklich mal 10 bis 12 Wochen zu testen, ob du es nicht doch mit der Hand schreiben kannst.)
Außerdem solltest du von Anfang an keine Erwartungen an irgendwelche Ergebnisse haben.
Das wirkliche Kopfreinigen und die Gedankenklarheit passiert normalerweise über eine lange Dauer und sehr subtil.
Das heißt, du wirst es nicht sofort merken und vermutlich sogar denken, dass die ganze Sache nichts bringt.
Tut sie aber!
Die größten Probleme mit Morgenseiten - und was du dagegen machen kannst
Problem 1: Ich habe morgens keine Zeit
Wie oben schon angemerkt, gehöre ich selbst nicht zu den Leuten, die fröhlich aus dem Bett springen können und sich sofort an ihren Schreibtisch setzen.
Vielleicht gehörst du auch dazu.
Kinder, ein Hund, der raus muss, oder jemand, der deine Aufmerksamkeit braucht und dafür sorgt, dass du nicht einfach eine Matcha-Latte-Morgenroutine wie aus Instagram hast. Vielleicht schaffst du es auch einfach nicht, aus dem Bett zu kommen, bevor du ins Büro rasen musst.
Der Begriff „Morgenseiten" ist zwar eigentlich sehr streng angelegt auf das Allererste, was du an einem Morgen tust.
Bei vielen Menschen - vielleicht auch dir - geht das in der Realität aber einfach nicht.
An dieser Stelle könnte der Perfektionist in dir sagen: „Gut, dann kann ich dieses System einfach nicht für mich anwenden."
Aber ich persönlich habe wirklich festgestellt, dass es komplett egal ist, wann diese Seiten geschrieben werden.
Wenn der Tag vorbei ist und ich erst abends kurz vor dem Einschlafen Zeit habe, schreibe ich sie abends. Und das ist dann zwar nicht für den Tag geeignet, aber fürs Einschlafen - und oft kommen mir dabei noch mal neue Ideen, die mich mitten in der Nacht auf ziemlich gute Gedanken bringen.
Problem 2: Keine Ahnung, was ich schreiben soll
Auch wenn es am Anfang seltsam ist: Nimm genau die Worte, die dir durch den Kopf gehen, und schreib sie einfach auf.
Ja, sie werden banal und meckerig und übertrieben und komisch sein.
Einfach weiterschreiben!
Die Wahrscheinlichkeit ist extrem groß, dass du sowieso schon den ganzen Tag über irgendwas nachdenkst und ein ewiger Strom an komischen Sätzen durch dein Hirn läuft.
Nimm also genau diese Sätze und schreib sie auf.
Nichts ist zu einfach! Wenn du aus dem Fenster guckst und denkst: „Irgendwie ist das eine seltsame Himmelsfarbe und warum dreht sich da hinten so etwas Komisches an dem Baum?" - dann schreibst du genau das auf.
Problem 3: Ich halte das nicht durch
Wie schon oben kurz erwähnt, habe ich selbst die Flinte bei den Morgenseiten wieder ins Korn geworfen. (Beziehungsweise: Den Kugelschreiber wieder in die Schublade geworfen.)
Deswegen: I feel you!
Und auch jetzt passiert es mir relativ oft, dass ich mal ein paar Tage oder manchmal sogar ein oder zwei Wochen die Morgenseiten ganz aus den Augen lasse.
Du kennst die Ausreden:
Ich bin so busy, ich habe so viele Termine, mein Leben ist so voll, ich habe ein Unternehmen zu führen, muss zum Sport und so weiter.
Bli, bla, blubb.
Dann denkst du also: “Lass ich das heute mal! Bringt ja eh nicht so viel.”
Normalerweise merke ich den Effekt nicht am ersten, nicht am zweiten, nicht am dritten Tag.
Aber spätestens dann ist irgendwie das Grundgefühl in meinem Kopf nicht mehr so erleichtert und lässig, wie ich es sonst gewohnt bin.
Wenn alle meine negativen und auch komischen und leeren und unnötigen Gedanken aufs Papier ausgespuckt sind, ist nur noch das übrig, was ich eigentlich an den Tag legen möchte: Kreativität, gute Ideen, die oft unter Lamentieren und irgendwelchen unnötigen Gedanken und Belanglosigkeiten verdeckt werden.
Also aufhören mit den Ausreden (Memo gilt auch an mich selbst!).
Einfach machen.
Fazit: Lohnen sich Morgenseiten wirklich?
Morning Pages haben mein Leben zum Positiven verändert.
Zusammen mit meiner Monatsjournal-Praxis, die ich nach vielen Jahren nicht erfolgreichem Journaling endlich für mich anwende und die super wenig Zeit kostet, hat mich das in meinem Leben extrem weit gebracht.
Ich habe unzählige Produktivitäts- und Verbesserungsmethoden getestet, aber die Julia Cameron Morning Pages bleiben in meinem festen Repertoire. Auch wenn ich, wie gesagt, mehrere Jahre gebraucht habe, um überhaupt mit ihnen warm zu werden.
Wenn du also keine Ahnung hast, ob das überhaupt etwas für dich ist: Durchhalten.
Gib der Sache keine halbherzige Chance, sondern eine echte.
Denn wie im Fitnessstudio wird sich dein Morgenseitenmuskel normalerweise erst nach mehreren Monaten aufbauen.
Und dann sind die Effekte, vor allem auf deine kreativen Ideen, meiner Meinung nach enorm.
PS: Wenn du das spannend findest und wissen will, was ich sonst noch so für mein Business mache, dann hol dir meinen Newsletter, da schreibe ich jede Woche davon!
Diese Artikel könnten auch noch spannend für dich sein: